Der beste Botaniker auf diesem Planeten

Der Marsianer Andy Weir

Monate und viele Millionen Kilometer weit entfernt – Mark Watney ist der einsamste Mensch auf dem Mars. Eigentlich versprach die Ares 3, eine bemannte Marsmission der NASA, ein voller Erfolg zu werden. Watney, Teil einer sechsköpfigen Crew, freute sich auf all das, was einem Astronauten, der den roten Planeten betritt, gebührt: Niemals endender Ruhm. Nun aber wird er traurige Berühmtheit erlangen: Als erster Mensch, der auf dem Mars stirbt. (Eine Buchrezension).

Die ersten sechs Tage der dritten Marsmission, Ares 3, verlaufen nach Plan. Aber nicht umsonst gilt der Beruf des Astronauten als einer der gefährlichsten überhaupt und der Weltraum als einer der tödlichsten Orte. Doch sechs unerschrockene Reisende wollen dazu gehören: Zu den Menschen, die den Mars besuchen.

Der Mars ist eine Wüste. Eine Staubwüste voll von oxidiertem Eisen. Und die Klimabedingungen auf dem Mars sind nicht mit denen auf der Erde zu vergleichen. Vor allem im Marsfrühjahr, wenn der Mars sich im Perihel, also am sonnennächsten Punkt befindet, entstehen Stürme in den flachen Ebenen. Bis zu 400 Stundenkilometer kann so ein Megasturm auf dem roten Planeten erreichen. Und genau so ein Sturm sollte auch das Todesurteil für Ares 3 in der Tiefebene Acidalia Planitia werden. Stürme bis zu 150 Stundenkilometer kann Ares 3 aushalten.

Der worst-case tritt ein

Watney führt eine EVA durch. Eigentlich ist dieser extravehikulare Außeneinsatz Routine. Doch ein plötzlich auftretender, sehr heftiger Staubsturm von 175 Stundenkilometer zwingt die Crew von Ares 3 zum Abbruch der Mission. Alle Mitglieder müssen sich in wenigen Minuten zum rettenden MRM (Marsrückkehrmodul) durchschlagen. Alle schaffen es. Bis auf Watney, der von umherfliegenden Gegenständen verletzt wird und das Bewusstsein verliert. Sein „Boardcomputer“ im Schutzanzug versagt. Seine Biodaten werden nicht mehr übertragen. Watney ist tot. Davon geht die Crew aus und verlässt traumatisiert den tödlichen Ort ohne ihren sechsten Kameraden.

Doch Watney hat überlebt. Und erkennt schnell seine missliche Lage. „Ich bin sowas von im Arsch“ lautet da zutreffend sein erster Eintrag ins Logbuch, welches er während der nächsten Monate penibel weiter führt und detailliert festhält, wie er sich auf dem lebensfeindlichen Planeten zurecht findet. Die lebenswichtigen Systeme wie der Oxygenator, der Atmosphäreregler und der Wasseraufbereiter – bald als die „Großen Drei“ betitelt – haben den Sturm unversehrt überstanden. Nicht so die Kommunikationssysteme. Und so muss der gelernte Botaniker ohne jeglichen Kontakt zu Houston allein zurechtkommen. Er repariert die Wohnkuppel, kultiviert Kartoffeln („Ich bin der beste Botaniker auf diesem Planeten“), gewinnt aus Treibstoff zusätzliches Wasser und überlebt die ein oder andere Katastrophe, die ihn oft an den Rand des Scheiterns bringt und dennoch immer wieder den Überlebenswillen und eine sarkastische „Leck-mich“-Einstellung in ihm entfacht. Man möchte meinen, Watney hat mehr Glück als Verstand. Er ist ein genialer Ingenieur. Aber der Mars meint es nicht gut mit ihm. Des Öfteren entwischt er dem Tod nur um Haaresbreite.

NASA in Aufruhr

Während die Crew bereits im ionenbetriebenen Raumschiff Hermes Richtung Heimat fliegt, erfährt das Kontrollzentrum über Satellitenbilder von Watneys Überleben. Der Marsmensch schafft es in der Zeit, zur Marssonde Pathfinder zu gelangen und kann Kontakt zur NASA aufnehmen. Diese arbeitet fieberhaft an Rettungsplänen, die aufgrund der kurzen Zeitspanne, die zur Verfügung steht, zum Scheitern verurteilt sind. Risiken von bis zu 4 Prozent werden eingegangen, ein absolutes NO GO bei der amerikanischen Raumfahrtbehörde. Doch um ihren Landsmann zu retten, sehen die Chefs über vorhandene Regeln hinweg und entwickeln einen waghalsigen Plan, der nicht nur Watneys Leben in Gefahr bringen soll.

Intergalaktische Robinsonade

Andy Weirs Roman ist nicht mehr aus der Hand zu legen. Er zeigt zunächst, dass Defoes Geschichte des einsamen Robinson Crusoe nicht nur auf der Erde als literarisches Motiv funktioniert. Die Robinsonade, die Geschichte des gestrandeten Menschen auf einer einsamen Insel, ist genauso auf Watney zu übertragen. Nur dass er direkt auf einem Planeten gestrandet ist. Auf den er aber ebenso wie Crusoe um das nackte Überleben kämpft. Als „Freitag“ dienen ihm dabei schlechte Fernsehserien und Disco-Musik aus den 70ern. Watney beweist einen bedingungslosen Lebenswillen und schafft es irgendwie allen Widrigkeiten zu trotzen. Doch bis zum Ende hält Weir uns im Ungewissen, ob die Rettungsaktion glücken wird: Gelingt Watney die weite Reise zum Schiaparelli-Krater, wo die rettende Ares 4-Sonde liegt? Schafft die NASA es, ihren tollkühnen Plan zu realisieren? Und welche Rolle kommt den Chinesen dabei zu Gute?

Ein realistisches Buch, in dem Technologien benannt sind, deren Umsetzung wahrscheinlich ist – das fesselt. Ein überzeugender Zukunftsroman, bei dem nicht über die Stränge geschlagen wird. Zumal er ein Thema behandelt, das eine ganze Generation so sehr in Atem halten wird, wie einst die Mondlandung in den 60er Jahren. In 25 Jahren sitzen wir vielleicht wie gebannt vor dem Fernseher und verfolgen den Start der ersten bemannten Marsmission. Wer mag der Mensch wohl sein, der den Mars, unseren nächsten Planeten, das erste Mal betreten wird? Was wird er sagen? Es wird definitiv der dann größte Schritt für die Menschheit sein. Und bestimmt nicht der letzte.

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